energieatlas rezension

Rezensionen des Energie Atlas

Der Energieatlas ist zu bestellen unterwww.detail.de


Christiane Fritzenwallner, db 2/2008

Die Autoren des Fachgebiets Entwerfen und Energieeffizientes Bauen der TU Darmstadt haben mit dem Energie Atlas ein umfangreiches Nachschlagewerk geschaffen, dass sich kaum noch überbieten lässt. Wer tatsächlich den Anspruch hat, jede Seite davon zu lesen, muss allerdings viel Zeit einplanen. Doch die übersichtliche Gliederung in vier Teile – Teil A „Positionen“, Teil B „Planung“, Teil C „Gebaute Beispiele im Detail“, Teil D „Anhang“ (unter anderem mit hilfreichem Glossar und zahlreichen Literaturverweisen) – ermöglicht es, sich auch ganz problembezogen in bestimmte Themen einzulesen oder durch Blättern im dritten Teil Anregungen für seinen eigenen Entwurf zu bekommen.

Wer ansonsten mit viel Eifer und Enthusiasmus vorne beginnt, den erwarten im ersten Teil umfangreiche Statements verschiedener Autoren, etwa von Chris Luebkeman von Arup Research + Development, London oder von Robert Kaltenbrunner vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in Bonn. In diesen Fachbeiträgen wird das Thema Energie gesamtheitlich betrachtet, etwa in Hinblick auf den globalen Wandel, den Ressourcenschutz oder die Nachhaltigkeit. Die daran anschließenden Kapitel sind dafür praxisbezogener: Der umfangreichste Teil B „Planung“ ist sicher eher für diejenigen interessant, die noch Nachholbedarf im Bereich Baukonstruktion, Gebäude- oder Fassadentechnik haben oder nur Grundlagen nachschlagen möchten – vor allem das Kapitel „Material“ ist hierbei sehr hilfreich.

Bemerkenswert im dritten Teil sind die zwanzig vorgestellten, hochrangigen Architekturbeispiele mit einer Vielzahl zusammengetragener Daten: Wo bislang bei den Atlanten desselben Herausgebers üblicherweise nur textliche Projektbeschreibungen und Zeichnungen mit Legenden zu finden waren, wurde nun am Ende jedes Projektes zusätzlich eine Tabelle erstellt, ein von den Autoren entwickeltes Bewertungssystem zur Nachhaltigkeit. Dabei werden über spezielle Kennwerte die Standortqualität, das Gebäude selbst sowie dessen Prozessqualität beschrieben. Indikatoren sind beispielsweise verschiedenen Energiebedarfszahlen, solaraktive Fläche, Barrierefreiheit oder auch das Vorhandensein von Fahrradabstellplätzen, die Nutzung von Regen- und Grauwasser oder das Monitoring. Zwar konnten natürlich nicht bei jedem Projekt sämtliche Kennwerte zusammengetragen und erfasst werden, dennoch lassen sich auf diese Weise die Beispiele untereinander besser vergleichen und die Auswahl noch eindeutiger nachvollziehen.

Benedikt Kraft, dbz 1/2008

Am Anfang fragt ein Autor: Warum machen wir uns eigentlich soviel Sorge um das Ende unserer Energievorräte? Es gibt sie doch, die Energie, zig-Tausendmal mehr, als wir jemals verbrauchen könnten, aber wir, die wir schier alles können, wollen sie einfach nicht anzapfen, die Sonnenenergie.

Ein gleiches, ein ähnliches könnte man sich jeden Tag fragen, warum dieses noch nicht längst und jenes nur so schlecht. Die Architektur ist – trotz aller Vorzeigeprojekte – ganz offenbar im 19. Jahrhundert stehen geblieben (ja wäre sie noch dort, es wäre so schlecht noch nicht einmal um sie bestellt). Ob es daran liegt, dass wir uns nicht genügend gedrängt fühlen, den bereits spürbaren Klimawandel über ein rigoroses Umdenken abzufedern? Oder daran, dass uns die Kosten noch zu hoch erscheinen, unsere Häuser endlich so zu bauen, dass sie eben nicht verschwenderisch mit wertvollen Energien umgehen, dass sie uns nicht krank machen wegen schlechter Baumaterialien, dass sie uns nicht bloß Kiste sind, größere vor der kleinen am Ende irgendwann?

Die „Energie-Atlas“ getitelte Arbeit ist tatsächlich ein umfassendes Verzeichnis dessen, was zum Thema Energieeffiienz zu sagen ist. Eingeleitet durch mehrere pronouncierte Artikel von Ingenieuren und Architekten, die auch über die üblicherweise zitierten Schlagworte hinaus denken, werden anschließend in weitem Bogen die zentralen Begrifflichkeiten wie Gebäudehülle, Technik und Material über ihre Inhalte und speziellen Anforderungen erläutert und an Beispielen auf ihre Bedeutung hin überprüft. Dabei helfen einerseits technische Zeichnungen, Diagramme und der Bezug zu schon gebauten und durchaus prominenten Projekten, andererseits sind die durchwegs ausführlichen textlichen Erläuterungen in komprimierter wie zugleich das Wesentliche herausstellender Weise beinahe schon Referatsvorlage für höhere Studiensemester.

Vor der Präsentation von 20 neueren Projekten aus beinahe der ganzen Welt, haben die Autoren noch einige Seiten mit „Strategien“ geannten Dingen gefüllt. Hier soll den Planern, den Politikern und auch den Hausherren Material an die Hand gegeben werden, das ihnen hilft, die komplexen Zusammenhänge des nachhaltigen Bauens zu durchschauen, sie für die eigene Planung handhabbar aufzuschlüsseln, und am Schluss ein eigenes, auf die individuell formulierten Anforderungen angepasstes Modell zu entwickeln.

Ob der Atlas ein Planungshilfe ist? Er ist weniger, weil er für Quereinstiege, für Direkthilfe nicht übersichtlich genug ist, das Register am Ende hilft nur dem, der in der Materie bereits zu Hause ist. In jedem Fall aber ist der Atlas ein fundiertes Statement für mehr technologische Vernunft, und er bietet in seinen verbindlichen Aussagen jede Menge Diskussionsstoff.

Georg W. Reinberg, archplus 184, Oktober 2007

Als Architekt, der in seiner täglichen Arbeit versucht, energieeffizient zu bauen, hat es mich natürlich gefreut, den „Energie Atlas“ in Händen zu halten. Ein Atlas, der sehr umfassend praktisch alle Themen behandelt, die mich als Planer betreffen. In diesem Buch, herausgegeben vom Institut für Internationale Architektur-Dokumentation in München, wurde vom Fachbereich Architektur der Technischen Universität Darmstadt der aktuelle Wissensstand zum Thema Bauen und Energie zusammengefasst.

Aufgebaut ist das Buch wie schon einige zu diesem Thema zuvor (z.B. Treberspurg, Neues Bauen mit der Sonne, 1994; Daniels, Technologie des ökologischen Bauens, 1994; Gauzin-Müller, Nachhaltigkeit in Architektur und Städtebau, 2002; Schittich, Solares Bauen, 2003; Gonzalo und Habermann, Energieeffiziente Architektur, 2006): Beginnend mit allgemeinen Artikeln zur Energie-Situation und zur solaren Architektur werden allgemeine technische Grundlagen, städtebauliche Aspekte und mögliche Strategien des solaren und ökologischen Bauens behandelt und schließlich unterschiedliche Architekturbeispiele gezeigt.

Im ersten Teil des Werks beweist zunächst Hermann Scheer, dass die Energiewende nicht nur machbar ist, sondern auch eine große Chance („Goldener Boden“) für Bauhandwerk, Architektur und Bauwesen darstellt. Chris Luebkeman zeigt am Beispiel der Urbanisierung, wie sich die Produktion von Energie für die heutige Gesellschaft ändern sollte. Robert Kaltenbrunner beschreibt dagegen die schwierige Beziehung zwischen Architektur und Nachhaltigkeit und plädiert für einen Paradigmenwechsel, der gesellschaftlich getragen werden muss: Weg von der marktwirtschaftlich orientierten Schnelllebigkeit zu einer neuen Wertschätzung der Dauerhaftigkeit. Dafür verlangt er einerseits mehr Sinnlichkeit, andererseits führt er weniger eloquente Beispiele als positiv an. Manfred Hegger zeigt, wo die Notwendigkeit mit städtischen Werten zu handeln besteht, und sieht die größte Armut auf unserem Planeten ins Mangel an Vorstellungskraft, während Thomas Herzog an die Komplexität der Gebäude selbst und an die Notwendigkeit ihrer Verständlichkeit erinnert. Abschließend beleuchten Petzinka und Lenz Lebenszyklusbetrachtungen von Bauten.

Im zweiten Teil werden Grundlagen und Rahmenbedingungen für den Klimawandel und die Wirtschaft beschrieben sowie mögliche Strategien für eine nachhaltige Energiewirtschaft aufgezeigt. Während die allgemeinen bauphysikalischen Regeln etwas zu langatmig gehalten sind, werden ins Kapitel „Stadt, Raum und Infrastruktur“ die energetischen Vorteile des dichten Bauens mit klaren, einfachen Tabellen und Statistiken dargestellt und die Bedingungen für eine standortgerechte Planung beschrieben. Anregungen für den energieeffizienten Entwurf bietet das Kapitel „Gebäudehülle“. Hier geht es um Grundregeln, wie Wärme erhalten und gewonnen werden kann, wie die Sonne effektiv nutzbar ist, wie das Gebäude vor Überhitzung geschützt, wie effektiv gelüftet und wie Tageslicht optimal eingesetzt wird. Persönlich besonders begeistert bin ich vom Kapitel „Technik“. Es gibt einen Gesamtüberblick über die Anwendungsmöglichkeiten der aktuellen (Energie-)Technik und liefert brauchbare Fakten und Daten für den Praktiker. Zwar führt darauf das Kapitel zu Material mit allgemeinen Grundlagen zum Thema etwas zu weit. Es liefert jedoch eine umfassende Orientierungshilfe zu sämtlichen Energie-, Bauphysik- und Ökobewertungen von Baumaterialien. Systematisch dargestellte „Strategien“ zur Umsetzung helfen in einen weiteren Kapitel, das eigene Agieren im Zusammenhang zu sehen.

Abgesehen davon, dass dem höchst aktuellen Thema der Sanierung kein eigenes Kapitel gewidmet ist, bietet der vorliegende Band einen vollständigen und aktuellen Überblick zu allen Energiefragen und zeigt ausschließlich Beispiele höchster Architekturqualität. Obgleich – erstmalig in dieser Art von Büchern – versucht wird, vergleichbare Kennwerte zu liefern, wäre doch eine kritischere Betrachtung der Projektbeispiele wünschenswert gewesen. Auch in diesem Buch fehlt mir ein direkter Zusammenhang zwischen den Texten und den gezeigten Beispielen. Unter „Gebäudehüllen und Photovoltaik“ z.B. wird darauf hingewiesen: „Bei der Photovoltaik können jedoch im Vergleich zur Solarthermie auch geringe Abschaltungen der Solarzellen den Energieertrag erheblich reduzieren“. Gezeigt werden aber Beispiele, wo sich die PV-Anlage als Sheddach selbst zu 2/3 beschattet, im Winter teilweise im Schnee verschwindet oder sie durch schlechte Reinigungsmöglichkeit verschmutzt und dadurch ihre Leistungsfähigkeit einbüßt. Ähnliches gilt auch für einige der gezeigten Details, deren Kritik durch die zuvor zu Wort gekommenen Bauphysiker für den Leser spannend gewesen wäre. Gestört hat mich – ähnlich wie bei einigen Vorgängerbüchern auch – dass die Zahlen, insbesondere globale Werte betreffend (Gebäude verbrauchen 50% aller Ressourcen und dgl.) nicht belegt sind. Ich kann nicht glauben, dass all diese Werte von den Autoren selbst erhoben wurden.

Insgesamt jedenfalls ein sehr ermutigendes Buch, das in seinen inhaltlich auch teilweise widersprüchlichen Statements zur Diskussion und zum Weiterdenken anregt, das mit Fakten die Machbarkeit des Energiewandels belegt und so zum Handeln motiviert, das umfassende technischen Grundlagen für den Planer bietet und anhand gebauter Beispiele zeigt, welche hohe ästhetische Qualität Energie-Architektur bieten kann. Kurzum: ein Buch, das ich jedem meiner Mitarbeiter gerne in die Hand geben werde.