baustoff rezension

Rezensionen des Baustoff Atlas

Petra Bohnenberger, db 12/2006

Was ist Nanogel? Wofür verwendet man Prada-Schaum? Wie sieht transluzenter Beton aus? Was hat er für bauphysikalische Eigenschaften? Was ist mit der Nachhaltigkeit? Hat schon jemand mit diesem Material gebaut? Machen thermosensitive Oberflächen Sinn? Was ist der Unterschied zwischen Kalkstein und Granit? Welchen Stein hat Peter Zumthor in der Therme von Vals verwendet? Was muss man beachten, wenn man mit Lehm baut? Verwendet man besser Nadelholz statt Laubholz oder einen Holzwerkstoff? Welche neuen Entwicklungen gibt es bei Glas? Sind die farbigen Beschichtungen haltbar oder verwende ich doch besser Kunststoff? Gibt es tatsächlich Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen? Und sind sie dann biologisch abbaubar? Und die Ökobilanzen?

Beim Bauen gibt es von der ersten Idee, vom ersten Entwurf an fast mehr Fragen als Antworten. Und oft ist auch nach Bauende nicht die Gewissheit gegeben, alle Fragen richtig beantwortet und entschieden zu haben. Aber der Baustoff Atlas ist eine Hilfe auf dem Weg dorthin. Auf viele Fragen kann er eine Antwort geben, sei es zu den Aspekten der Ökologie, der Baustoffeigenschaften, der Nachhaltigkeit, der chemischen Zusammensetzung, der Bauphysik und natürlich zur Anwendung unter Berücksichtigung von Funktion und Konstruktion. Den zahlreichen Baustofffotos wurden ausführliche Tabellen und Diagramme zur Seite gestellt, ergänzt von gebauten Beispielen, mit Fotos und Detailzeichnungen erläutert.

Der Baustoff Atlas ist somit Nachschlagewerk, Inspirationsgeber und Entscheidungshilfe, er macht neugierig und Lust aufs Bauen.

Johann Eisele, DETAIL 7/2006

Material nimmt in der zeitgenössischen Architektur einen immer höheren Stellenwert ein: Die Gestaltqualität eines Bauwerks wird neben der Form mehr und mehr durch die Auseinandersetzung mit dem Material bestimmt. Das Haptische hat an Wert gewonnen, aber auch die Tatsache, dass die Industrie uns Architekten immer mehr und immer schneller neue Baustoffe zur Verfügung stellt, deren Einsatz und Möglichkeiten es in der Architektur zu ergründen gilt.

Bislang musste man sich unterschiedlicher Fachbücher, Firmenhandbücher und Prospekten bedienen, um sich ein Bild eines Baustoffes machen zu können; dies war entsprechend schwierig und umständlich und das Ergebnis lückenhaft und keineswegs von wissenschaftlicher Aussagekraft. Mit dem nun vorliegenden Baustoff Atlas ist ist diese Problem behoben. Um es gleich vorne weg zu sagen: das vom Verlag angekündigte „Nachschlagewerk“ erfüllt diese Erwartungen voll und ganz. Das Nachschlagen in zahlreichen Zeichnungen und Tabellen ist vorbildlich gelöst und bedingt durch Umfang und Tiefe ist es ein wirkliches „Werk“ geworden. Apropos „zahlreich“. Die lapidare Ankündigung des Verlags in der Fachpresse lautet: „280 Seiten mit zahlreichen Zeichnungen und Fotos …“. Das reizt zum Nachzählen: Es wurden fast 400 Fotos und 140 Zeichnungen und (teils ganzseitigen) Tabellen und Grafiken erarbeitet und dargestellt. Über die inhaltliche Beschäftigung hinaus wird somit das „Suchen und Finden“ ein Kinderspiel.

Die Autoren – Hegger, Auch-Schwelk, Fuchs und Rosenkranz – sind Architekten und so kann das schwierige, fast unmöglich scheinende Vorhaben in die Tat umgesetzt werden, technische, bauphysikalische und ökologische Grundlagen bildhaft darzustellen und deren Relevanz zur Gestaltung und Anmutung eines Bauwerkes aufzuzeigen. Das Werk ist inhaltlich viergeteilt und verzichtet auf die üblicherweise seitenfüllenden Abbildungen von vielen Beispielen, sondern beschränkt sich hier auf eine ca. 60 Seiten füllenden Teil (D) von 25 sorgfältig ausgewählten Beispielen im Detail, die durch sparsame und geschickte Materialwahl bestechen und dadurch eine kraftvolle und prägnante Architektur erreichen.

Das macht Platz für Inhalte! Und davon hat der Baustoff Atlas allerhand zu bieten. Die Kapitel zuvor setzen sich mit „Material und Architektur“ (A), den „Baustoffeigenschafte“ (B) und den „Baustoffanwendungen“ (C) auseinander und geben somit eine lückenlose Darstellung der verschiedenen Betrachtungsebenen von Baustoffen. Im ersten Kapitel „Material und Architektur“ (A) kommen zunächst Autoren zu Wort, die den Blickwinkel erweitern und wichtige Anregungen für Architekten geben. Das zweite Kapitel „Baustoffeigenschaften“ (B) behandelt die Grundlagen zur Anwendung der verschiedenen Baustoffe, die in Gruppen zusammengefasst sind und in zahlreichen Tabellen die verschiedenen Kennwerte darstellen und wichtiger Bestandteil des Nachschlagewerks sind. Das dritte Kapitel „ Baustoffanwendungen“ (C) wird in die wichtigsten Gebäudeelemente untergliedert (z. B. Gebäudehülle, Wände, Decken, Böden) und grafisch durch schematische Schichtaufbauten und bildhaft durch deren Oberflächenwirkung unterstützt.

Spätestens hier wird dem Leser klar, dass es den Autoren nicht darum geht, „gute“ und „schlechte“ – zu empfehlende oder zu verwerfende – Baustoffe zu dokumentieren, sondern eine Grundlage zu liefern, die eine objektive Entscheidung für ein bestimmtes Material ermöglicht. Der Anspruch des Verlags und der Redaktion ist in vielen Atlanten zuvor bereits vorbildlich umgesetzt und hat Standards gesetzt, an denen sich jedes neue Werk messen lassen muss. Der Baustoff Atlas hat diesen Anspruch nicht nur eingelöst, sondern getoppt und nach oben verschoben. Wie sehr dieses Buch gefehlt hat, merkt man erst, wenn man es in den Händen hält: ein „Muss“ für jeden planerisch tätigen Architekten und Ingenieur.